Nahaufnahme gelb schimmerndes Mineral
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Ressourcenknappheit: Rohstoffhunger der Energiewende 

20. Februar 2025

Dürfen wir schürfen? 

Die Welt erlebt einen rasanten Wandel hin zu mehr grüner Energie. Dafür werden große Mengen bestimmter Mineralien benötigt. Doch deren Abbau wirkt sich massiv auf Ökosysteme, benachbarte Siedlungsräume und Beschäftigte aus. Zwei Experten erörtern die Frage: Lohnt es sich, die Natur zu zerstören, um das Klima zu retten? 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Auf dem Weg zur Energiewende nicht zu gefährden, gilt es, den Abbauprozess von Mineralien fair und umweltfreundlich zu gestalten. Lokale Gemeinden und Politik müssen einbezogen werden. 

  • Recycling von Mineralien spielt eine wichtige Rolle, doch derzeit sind nicht genügend Bestände im System. Künstliche Intelligenz könnte helfen, Produkte wie Batterien zu entwickeln, die weniger seltene Mineralien benötigen. 

  • Für gefragte Mineralien sind höhere Preise zu erwarten – das könnte die globale Energiewende bremsen. Es sei denn, die Gewinne werden gerecht verteilt.

Steigende Nachfrage nach knappen Ressourcen 

Windräder, Solarmodule und Batterien von Elektroautos – sie alle stehen für grüne Energie. Doch für ihre Herstellung braucht es große Mengen an Metallen wie Lithium, Kupfer, Nickel oder Kobalt. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass sich die weltweite Nachfrage nach diesen Mineralien bis 2050 verdoppeln, wenn nicht gar vervierfachen wird. 

Wollen wir Netto-Null-Emissionen erreichen, müssen wir den Bergbau in vielen Teilen der Welt intensivieren. Der Haken: Kaum ein anderer Industriezweig hat so verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Gibt es einen Ausweg aus dem Rohstoffdilemma? Im Gespräch mit Creating Chemistry schätzen zwei Experten die Chancen und Risiken ein. 

Mehr Bergbau für eine nachhaltige Zukunft? 

Die IEA geht von einer stark erhöhten Nachfrage nach den Metallen aus, die für die Energiewende benötigt werden. Brauchen wir also weltweit mehr Bergbau? 

DANIEL FRANKS: Die Umstellung auf erneuerbare Energien wird größere Mengen an bestimmten Mineralien erfordern, die bisher nicht im großen Stil abgebaut wurden, zum Beispiel Lithium und Kobalt. Gleichzeitig verlieren einige andere Rohstoffe, darunter Kohle, an Bedeutung. Insgesamt wird der Bergbau vielleicht sogar zurückgehen. 

Der Abbau dieser dringend benötigten Mineralien hat seinen Preis. Ökosysteme werden zerstört, Beschäftigte sind gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt. Diese negativen Aspekte werden vielerorts kontrovers diskutiert. 

DF: Es gibt Verfahren, mit denen sich die sozialen und ökologischen Auswirkungen erheblich reduzieren lassen. Doch dazu muss zunächst der Prozess zur Gewinnung der Mineralien gerecht und ausgewogen gestaltet, müssen lokale Gemeinden und die Politik miteinbezogen werden. Sonst wird die ganze Energiewende gefährdet. 

MATHIS WACKERNAGEL: Es gibt mehr oder weniger schädliche Möglichkeiten, um an diese Mineralien zu gelangen. Die größte Herausforderung: Unser Bedarf – die Größe der Wirtschaft – übersteigt die Regenerationsfähigkeit der Erde. Bestimmte Mineralien könnten uns dabei helfen, weniger natürliche Ressourcen zu verbrauchen. Mein Punkt ist: Die Kosten, die entstehen, wenn wir die Wirtschaft nicht umstellen, sind viel höher. 

Daniel Franks sitzt in seinem Zuhause in Brisbane/Australien
Daniel Franks in seinem Zuhause in Brisbane/Australien. Der Geologe entwickelt Konzepte für eine neue Art von Bergbau, der Ökosysteme bewahrt und Anrainer schützt.
    

Wie berechnen Sie diese Kosten? 

MW: Ich betrachte die Welt aus einer biologischen Perspektive. Unsere Berechnungen zeigen, dass die Menschheit aktuell etwa das 1,7-Fache der Ressourcen verbraucht, die die Biosphäre regenerieren kann: Dazu gehört die Kapazität, CO2 zu binden, ebenso wie Nahrung, Holz oder Fasern. Ein Teil davon wird verwendet, um Mineralien abzubauen und zu verarbeiten. Damit stellt sich die Frage: Welche Menge an Ressourcen unseres Planeten können wir nutzen, sodass es nachhaltig ist? Ökologen meinen, etwa die Hälfte, sofern wir die Artenvielfalt erhalten und einen widerstandsfähigen Planeten haben wollen. 

Lokale Gemeinden und Regierungen müssen einbezogen werden.“

Professor Daniel Franks

Geologe am Sustainable Minerals Institute, University of Queensland/Australien 

Mathis Wackernagel sitzt auf einem Sofa in seinem Haus in Oakland/USA
Mathis Wackernagel in seinem Haus in Oakland/USA. Der gebürtige Schweizer hat das Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ mitentwickelt.

Der Ressourcenverbrauch muss sinken

Grob gesagt, müssten wir den Verbrauch von nahezu jeder natürlichen Ressource auf ein Drittel reduzieren. 

MW: Nicht von jeder Ressource, aber durchschnittlich, das ist korrekt. Die Erdüberlastung – oder Overshoot, wie wir es nennen – wird zwangsläufig zu einem Ende kommen. Die Frage ist nur, ob dieses Ende planvoll gestaltet oder durch Katastrophen erzwungen wird. Der Verbrauch von 1,7 Erden ist ein Marktversagen. Wir sollten uns daher fragen: Um wie viel höher müssten die Rohstoffpreise liegen, um die Rohstoffnachfrage von 1,7 Erden auf 0,5 Erden zu reduzieren? Sie wären so hoch, dass unsere Volkswirtschaften nicht mehr funktionieren würden – was zeigt, wie sehr wir aus dem Gleichgewicht geraten sind. Andererseits käme es weitaus teurer, sich nicht an diese neue Welt von 0,5 Erden anzupassen. Dies würde die Regenerationsfähigkeit der Erde, von der jede Wertschöpfungskette abhängt, zerstören. Wir zahlen den Preis nicht sofort, aber er schlägt zu Buche. Wenn wir jetzt nicht für den Umbruch aufkommen, wird das zu einer massiven Belastung.

Wir haben also keine andere Wahl, als auf erneuerbare Energien umzusteigen. Es gibt keine Alternative dazu, den massiven Abbau zu beschleunigen. 

DF: Oft heißt es, die Energiewende würde uns dazu drängen, Bergbauprojekte im Schnellverfahren zu genehmigen. Das sehe ich anders. Der Zeitdruck ist da. Trotzdem sollten auch im Bergbau hohe Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards gelten: Nur so lassen sich Projekte gestalten, die belastbar sind. 

… weil sie auf weniger politischen Widerstand stoßen? 

MW: Und weil sie wirtschaftlicher sind. Die Erdüberlastung ist so dramatisch, weil wir keine fairen Preise für die Ressourcen zahlen. Nehmen wir etwa die Zuteilung von Emissionsrechten … 

Diese Zertifikate erlauben es Unternehmen, bestimmte Mengen an Treibhausgasen auszustoßen. Ebenso gibt es Ausgleichszahlungen, um CO2-Emissionen zu kompensieren. 

MW: All das ist noch im Anfangsstadium. Sie könnten aber zu einer gerechteren Entschädigung für diejenigen führen, die Mineralien und regenerative Ressourcen bereitstellen oder Kohlenstoff speichern. Derzeit fließt nur ein sehr geringer Anteil der Emissionsgutschriften in die Regionen zurück, in denen diese erwirtschaftet werden. Die betroffenen Staaten hinterfragen also zu Recht, warum sie Leistungen für Emissionsgutschriften erbringen sollen.

Das tun sie zum Beispiel, indem sie natürliche Lebensräume schützen. Die Emissionshandelsmärkte sind jedoch weitgehend unreguliert.

MW: Das stimmt. Die Versorgung mit Ressourcen wäre allerdings viel zuverlässiger, wenn ein größerer Teil ihrer Wertschöpfungskette wieder in die Länder verlagert würde, welche sie bereitstellen. Das gilt für Mineralien ebenso wie für biologische Ressourcen.

DF: Nehmen wir Lithium. In den vergangenen 20 Jahren hat Lateinamerika etwa 2.000 Kilotonnen Lithium exportiert und 13 Kilotonnen in Form von hochpreisigen Produkten importiert, also ein 150-stel davon. Die Staaten haben schlicht keinen Zugriff auf ihre eigenen Mineralien, die sie für die Energiewende benötigen. Das ist ein großes und drängendes Problem, was Gerechtigkeit und Gleichberechtigung betrifft. Die Versorgung, bezogen auf Energie, Wasser, Nahrung und auch Mineralien, muss sichergestellt sein. Alle sollten ausreichenden und bezahlbaren Zugang zu den Ressourcen haben, die es für die menschliche Entwicklung braucht.

Ein großes grünes Blatt wird gegen die Sonne gehalten
Das Haus von Mathis Wackernagel ist umgeben von Pflanzen. Blätter bezeichnet er gern als „Sonnenkollektoren der Natur“.

Aber warum sollten Bergbauunternehmen ihre Gewinne mit jemand anderem als ihren Aktionären teilen? 

DF: Der Sektor ist im Umbruch. Jahrelang lehnte man die zentralen Elemente nachhaltiger Entwicklung ab. Doch um das Jahr 2000 herum geriet die Branche durch zivilgesellschaftliche Bewegungen in vielen Teilen der Welt enorm unter Druck. In den vergangenen 25 Jahren wurden in einigen Bereichen Fortschritte erzielt, in anderen leider nicht. 

Das klingt nicht sehr ermutigend… 

DF: Heutzutage ist nicht mehr jedes Bergbauunternehmen ein multinationaler Großkonzern ohne Bezug zum lokalen Umfeld. In Australien, Kanada und anderen Teilen der Welt gibt es heute Bergbaubetriebe unter indigener Führung. Sie haben eine völlig andere Herangehensweise und achten darauf, dass Beschäftigungs-, Entwicklungs- und Umweltziele festgelegt und auch erreicht werden. Dieser Innovationsgeist wird sowohl auf Weltkonzerne als auch auf kleinere Unternehmen übergreifen. 

Wir zahlen keine fairen Preise für Ressourcen.“

Dr. Mathis Wackernagel

Mitbegründer des Global Footprint Network

Ressourcenknappheit:
begrenzte Mineralien ewig nutzen 

Nachhaltiger Bergbau ist also möglich, sagen Sie. Ist das gleichbedeutend mit Erneuerbarkeit? 

DF: Ich sehe die Dinge etwas anders als Mathis. Erneuerbarkeit betrifft eher die biologischen Systeme. Hier aber sprechen wir von geologischen Systemen, von den „vergessenen Elementen der Natur“, wie ich sie gerne nenne. Mineralien sind in den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen nicht einmal erwähnt. Es herrscht die Ansicht, dass Erneuerbarkeit der Maßstab für Nachhaltigkeit ist. Aber die meisten Mineralien, über die wir im Zusammenhang mit der Energiewende sprechen, sind wegen ihrer geologischen Entstehung nach menschlichen Zeitdimensionen nicht erneuerbar. Vielmehr sind sie ewig nutzbar. Denn die meisten werden bei der Herstellung oder Nutzung gar nicht aufgebraucht. Wir können sie immer wieder recyceln und wiederverwenden. Sie werden also praktisch ewig vorrätig sein. 

Wir alle besitzen einen Teil dieses Vorrats – in unseren Smartphones, Laptops und Fahrzeugen. Die Frage ist: Wie viel von diesem Vorrat brauchen wir letztlich? 

DF: Auch dazu gibt es Prognosen der IEA. Am Ende entscheiden die Verbraucher, welche Produkte sie bevorzugen. Das wird die Nachfrage nach verschiedenen Rohstoffen verändern. Nur funktionieren die Märkte für diese Rohstoffe derzeit nicht besonders gut. Wir sehen regelrechte Berg-und-Tal-Fahrten – bei Lithium und Nickel ebenso wie bei anderen Mineralien. Das erschwert der Branche die Planung. 

MW: Das ist auch aus Sicht der Regierungen wichtig. Was die wirtschaftlichen Entwicklungspläne der verschiedenen Staaten angeht, habe ich mit Ausnahme von China nicht viele gesehen, die das Thema Ressourcensicherheit ernst nehmen. Aber jede Nation mit dem Wunsch nach einer erfolgreichen Zukunft muss sich damit befassen.

Hand hält kleinen roten Mineralienbrocken
Im Zuge der Energiewende steigt die Nachfrage nach bestimmten Mineralien. Ihr Abbau birgt jedoch oft Risiken für die Umwelt.

BASF-Standpunkt

Talke Schaffrannek ist Director of Circular Economy bei BASF in Ludwigshafen. Sie erklärt, wie BASF Mineralien im Kreislauf hält und warum es für nachhaltige Veränderung ein neues Mindset braucht.

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Höhere Preise für dringend benötigte Mineralien sind zu erwarten. Dies würde wiederum die globale Energiewende bremsen. 

DF: Ich glaube nicht, dass eine verantwortungsvolle Gewinnung von Mineralien zwangsläufig das Endprodukt teurer macht. Um die Preise unter Kontrolle zu halten, brauchen wir eine gerechtere Verteilung der Gewinne entlang der Wertschöpfungskette. Höhere Umwelt-, Sozial- und Arbeitsstandards erhöhen nicht unbedingt die Produktionskosten. Im Gegenteil: Werden Projekte verantwortungslos geleitet, kommt es häufig zu massiven Verzögerungen und Unterbrechungen. 

Zwei Hände halten verschiedene Mineralbrocken
Der Großvater von Daniel Franks war Bergmann. Einige der Schätze, die er ausgegraben hat, bewahrt sein Enkel bis heute auf. 

 

Sie erwähnten, dass die meisten der benötigten Mineralien wiederverwertbar sind. Sollte also Recycling das eigentliche Ziel sein?  

DF: Natürlich spielt das Recycling von Mineralien bei der Planung der Energiewende eine wichtige Rolle. Allerdings sind derzeit nicht annähernd genügend Bestände im System vorhanden. Und wenn es davon irgendwann mittelfristig genügend gibt, dann eher in Staaten mit hohem Einkommen. Einkommensschwache Staaten werden keinen Zugang zu diesen Beständen haben. 

Ist der Zugang zu recycelbaren Materialien also die nächste Herausforderung, die die Welt lösen muss? 

DF: Mancherorts ist die Idee von Mineralien als Dienstleistungsprodukt aufgekommen. Die Förderländer vermieten das Mineral oder sie bekommen eine Lizenzgebühr, wann immer es eingesetzt wird. So erhalten sie einen gewissen Wert zurück, solange das Material recycelt wird und anderswo im Umlauf ist. 

MW: Was uns bei der Nutzung von Mineralien einschränkt, ist die Energie, die Aufbereitung und Recycling erfordern. Wie viel Biosphäre möchten wir dafür aufzehren? Auch hier stellt sich die Frage: Welche Art von Dienstleistung wird in Zukunft am wertvollsten sein? Unternehmen, die Recycling oder die von Daniel beschriebene Art von Dienstleistung einsetzen, werden einen Vorteil haben. 

Lassen sich Technologien entwickeln, für die geringere Mengen an Lithium, Kupfer und dergleichen nötig sind? 

MW: Ich gehe davon aus, dass uns künstliche Intelligenz bei der Entwicklung von Batterien helfen wird, die viel besser recycelbar sind und weniger seltene Mineralien und Metalle enthalten. Damit lässt sich noch schwerer vorhersagen, welche Arten von Mineralien künftig benötigt werden. 

DF: An Batterien auf Basis von Natrium und anderen chemischen Stoffen wird bereits geforscht. Doch nicht nur die Technologien werden sich weiterentwickeln, auch wie wir unsere Gesellschaft gestalten. Nur ein Beispiel: Mit einem elektrifizierten Nahverkehr würden wir viel weniger Bodenschätze verbrauchen, als wenn jeder ein eigenes Auto nutzt. Der Bedarf an Mineralien für Batterien wäre deutlich geringer. 

Wenn wir die Bestände aufgebaut und die meisten Minen aufgegeben haben – was bleibt an den Standorten zurück? 

DF: In Australien, meiner Heimat, ist das ein großes Thema. Meine Kolleginnen und Kollegen besuchen viele Standorte, um Wertstoffe in Altlasten aufzuspüren. Die Gewinne könnten dazu verwendet werden, diese Standorte zu sanieren und zu renaturieren. 

MW: Giftige Altlasten sind ein Problem. Andererseits sind einige der schönsten Gärten, die ich kenne, ehemalige Steinbrüche. Vieles ist möglich, wir müssen es nur angehen.

Porträt Daniel Franks
Porträt Mathis Wackernagel

Professor Daniel Franks 

ist Geologe und arbeitet am Sustainable Minerals Institute der University of Queensland in Australien. Er befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Mineralien, Materialien und nachhaltiger Entwicklung. Seine Familie ist seit Generationen im Bergbau tätig, daher rührt seine Liebe zu Gestein. Er entwickelt Konzepte für eine neue Art von Bergbau, der Ökosysteme bewahrt und Anrainer schützt.

Mehr über Daniel Franks

Dr. Mathis Wackernagel 

ist Mitbegründer des Global Footprint Network, einer unabhängigen Denkfabrik, die Instrumente zur Förderung der Nachhaltigkeit entwickelt. Er hat das Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ mitentwickelt. Wackernagel legte auch den Grundstein für den Earth Overshoot Day, der den Tag markiert, an dem die Menschheit mehr Ressourcen verbraucht als unser Planet regenerieren kann. 

Mehr über Mathis Wackernagel

Fotos: Nicholas Albrecht & Katrin Koenning